Gesamtwirtschaftliche Rahmenbedingungen

Die Weltwirtschaft setzte im Jahr 2010 die Erholung von der schwersten konjunkturellen Krise der Nachkriegszeit fort. Die deutliche Konjunkturverbesserung lässt sich vor allem auf folgende Faktoren zurückführen:

  • expansive Geld- und Fiskalpolitik der Industrieländer
  • robuste Nachfrage der Schwellenländer
  • Aufholeffekte auf der Nachfrageseite und durch Lageraufbau

Das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhte sich im Jahr 2010 um 4,7 % gegenüber einem Minus von 1,2 % im Vorjahr. Dabei fiel die Zuwachsrate des BIPs in den Schwellenländern mit 7,4 % deutlich stärker aus als in den Industrieländern mit 2,6 %. Insgesamt waren im Jahr 2010 etwa zwei Drittel der globalen Konjunkturerholung den Entwicklungs- und Schwellenländern – allen voran China – zuzuschreiben.

ANTEIL FÜHRENDER WIRTSCHAFTSNATIONEN AM WELTWEITEN BIP


in % 2009 2008
Quellen: IMF, World Economic Outlook 2010, 2009
USA 20,4 20,6
China 12,6 11,4
Japan 6,0 6,3
Indien 5,1 4,8
Deutschland 4,0 4,2
Russland 3,0 3,3

in % 2009 2008
Quellen: IMF, World Economic Outlook 2010, 2009
USA 20,4 20,6
China 12,6 11,4
Japan 6,0 6,3
Indien 5,1 4,8
Deutschland 4,0 4,2
Russland 3,0 3,3

Europa

Nach dem starken Konjunktureinbruch im Jahr 2009 gewann im Jahr 2010 die wirtschaftliche Entwicklung im Euro-Raum wieder an Schwung, und das BIP stieg insgesamt um 1,7 % (2009: -4,1 %). Die Zunahme ist dabei insbesondere auf die Dynamik beim Import mit 10,0 % (2009: -11,9 %) und beim Export mit 9,7 %(2009: -13,2 %) zurückzuführen. Die gute Entwicklung fiel in den einzelnen Ländern des Euro-Raums jedoch sehr unterschiedlich aus: Während sich in Deutschland die Konjunktur besonders stark zeigte, erholte sie sich in Spanien und Italien langsamer als im Durchschnitt. In Griechenland nahm das BIP sogar im Vergleich zum Vorjahr weiter ab, aufgrund der nach wie vor angespannten Haushaltslage.

Die deutlich gestiegene Arbeitslosenquote im Euro-Raum (Schätzung 2010: 10,1 %) verhinderte eine kräftigere Belebung der privaten Konsumnachfrage. Zwei Drittel dieser Zunahme sind allein auf die höhere Anzahl Arbeitsloser in den Ländern Portugal, Spanien, Irland und Griechenland zurückzuführen.

Die Lage der öffentlichen Haushalte hat sich im Jahr 2010 im gesamten Währungsgebiet deutlich verschlechtert: Die Schuldenquote erhöhte sich auf 84,7 %, bezogen auf das nominale BIP. Im Jahr 2007 lag diese noch bei 66,2 %. Somit werden im Jahr 2010 voraussichtlich fast alle Länder des Euro- Raums das Schuldenstandskriterium des Maastricht-Vertrags nicht einhalten können. Ausnahmen sind Finnland, Slowenien und die Slowakei.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland übertraf im Jahr 2010 die Erwartungen: Das BIP stieg um 3,6 % (2009: -4,7 %), maßgeblich getrieben durch die positive Entwicklung der Weltwirtschaft. Deutschlands exportorientierte Industrie konnte zeitnah auf die gestiegene Nachfrage reagieren, da sie viele Arbeitskräfte trotz Unterauslastung während der Krise in Kurzarbeit weiterbeschäftigt hatte. Mit einer niedrigen Arbeitslosigkeit, einem vergleichsweise moderaten Preisverfall im Immobiliensektor und einem maßvollen Anstieg der Staatsverschuldung meisterte Deutschland die Krise überdurchschnittlich gut.

In den aufstrebenden Ländern Osteuropas, die im Vorfeld der globalen Rezession sowohl hohe Leistungsbilanzdefizite als auch steigende Verschuldungsraten aufgewiesen hatten, konnten nur die besonders wettbewerbsfähigen Länder, u. a. Polen und Tschechien, oder die rohstoffreichen Länder, wie Russland, einen deutlichen Aufschwung verzeichnen.

Dagegen leidet eine Reihe südosteuropäischer Länder weiterhin an der abrupten Verschlechterung der Refinanzierungsbedingungen sowie der Kapitalabflüsse und befindet sich aktuell noch in der Rezession.

USA

Die Wirtschaft in den USA konnte sich im Jahr 2010 spürbar erholen. Der zum Jahresbeginn erfolgte Aufschwung verlor zwar im Sommer an Dynamik, zog aber anschließend wieder an, sodass das BIP im Jahr 2010 um 2,9 % (2009: -2,6 %) wuchs. Getragen wurde das Wachstum vor allem von der Inlandsnachfrage und dem Lageraufbau, während die Nettoexporte weiterhin – wie auch bereits vor der Krise – einen negativen Wachstumsbeitrag leisteten.

Der stark angeschlagene US-amerikanische Immobilienmarkt zeichnete sich im Jahr 2010 immer noch durch ein hohes Überangebot aus. Zwar konnte die Regierung mit verschiedenen Stützungsmaßnahmen, wie Steuererleichterungen und einer flexibleren Anpassung der Tilgungsraten für Hypothekenkredite, einen weiteren Rückgang der Immobilienpreise vermeiden. Gleichwohl lagen die Preise im Sommer 2010 für private Wohnimmobilien rund 20 % und für gewerbliche Immobilien sogar mehr als 40 % unter ihrem jeweiligen Höchststand.

Ein Rückzug des Staates aus der expansiven Geld- und Fiskalpolitik deutet sich nur ansatzweise an. Vor dem Hintergrund der fragilen konjunkturellen Erholung sowie der Probleme am Arbeits- und Immobilienmarkt hat die US-amerikanische Regierung im Jahr 2010 weitere umfangreiche Stimulierungsmaßnahmen verabschiedet. Zudem ist geplant, weitere Staatsanleihen zu kaufen, um damit konjunkturelle Impulse zu setzen.

Asien

Die Schwellenländer Asiens konnten nach einer kurzen Wachstumsverlangsamung im Jahr 2009 wieder an die positive Entwicklung vor der Finanzkrise anknüpfen und der Weltproduktion deutliche Impulse geben. Asien bleibt die dynamischste Region der Welt. Das BIP in Asien (ohne Japan) ist im Jahr 2010 um 9,2 % gestiegen (2009: 5,7 %). Stärkstes Wachstum im Jahr 2010 zeigte erneut China, das das BIP um 10,0 %(2009: 9,1 %) steigern konnte, gefolgt von Taiwan mit 10,0 % (2009: -2,0 %) und Indien mit 9,8 % (2009: 5,7 %).

Das Wachstum in China war zum einen auf die starke Nachfrage aus dem Ausland, zum anderen aber auch auf eine anspringende Inlandsnachfrage zurückzuführen. Angesichts steigender Inflationsraten und um eine Überhitzung zu vermeiden, hat die chinesische Regierung verschiedene Maßnahmen zur Einschränkung der Kreditvergabe ergriffen. Darunter fällt die Erhöhung des Leitzinses. Darüber hinaus signalisierte die chinesische Führung Mitte des Jahres Bereitschaft für größere Flexibilität beim Wechselkurs des Yuan gegenüber dem US-Dollar. Dies führte bis zum Jahresende 2010 zu einer nominalen Aufwertung der chinesischen Währung gegenüber dem US-Dollar um rund 3,0 %.

Die Entwicklung in Indien war vor allem durch eine stabile Binnenmarktnachfrage geprägt. Der Impuls des Außenbeitrags war hingegen leicht negativ. Die zunehmenden Kapitalzuflüsse aus dem Ausland üben einen deutlichen Aufwertungsdruck auf die Währung aus und erhöhen das Risiko von Überbewertungen an den Finanz- und Immobilienmärkten.

In Japan wurde die konjunkturelle Erholung hauptsächlich durch kräftige Exporte, insbesondere in die asiatischen Nachbarländer, sowie einer günstigen Entwicklung des privaten Verbrauchs gestützt. Die Spuren der Finanzkrise bleiben jedoch weiterhin sichtbar, insbesondere die hohe Arbeitslosenquote und ein hoher öffentlicher Schuldenstand. Dennoch fiel das BIP-Wachstum in Japan im Jahr 2010 mit 4,2 % (2009: -5,2 %) höher aus als erwartet.

Die übrigen asiatischen Länder waren nur in geringem Umfang von der Finanzkrise betroffen. Die meisten dieser Staaten konnten auch überdurchschnittlich von der Erholung des Welthandels profitieren. Dieses positive Wachstumsumfeld sowie der strukturelle Aufholprozess erklären die teilweise deutlich über denen der entwickelten Industrienationen liegenden Wachstumsraten.

Lateinamerika

Nachdem die Konjunktur der lateinamerikanischen Schwellenländer bereits Ende des Jahres 2009 wieder das Niveau vor der Krise erreichte, konnten diese im Jahr 2010 die konjunkturelle Dynamik weiter erhöhen. Dank der Erfahrungen aus früheren Rezessionen erholten sich diese Länder relativ schnell: Sie waren ausgestattet mit großen Devisenreserven, um Zahlungsbilanzkrisen zu vermeiden, und hatten ein Bankensystem, das weniger in risikoreiche Geschäfte involviert war. Bedeutendste Antriebskräfte blieben die Rohstoff- und Lebensmittelexporte. Das BIP der Region stieg im Jahr 2010 um 6,0 % (2009: -2,7 %).

Am schwersten von der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise getroffen war Mexiko aufgrund seiner starken Handelsverflechtungen mit den USA. Nach dem Einbruch des BIPs im Jahr 2009 von -6,5 % verzeichnete das Land im Jahr 2010 ein Wirtschaftswachstum von 5,0 %. Vor allem der starke Import und Export trugen zu dieser positiven Entwicklung bei.

Obwohl Argentinien von den Ländern Lateinamerikas nach Mexiko am stärksten von der Krise betroffen war, verzeichnete das Land mit 9,1 %(2009: -3,1 %) den stärksten Zuwachs beim BIP. Vor allem die expansive Geld- und Fiskalpolitik hat zu diesem Wachstum beigetragen. Argentinien profitierte aber auch vom weltweiten Aufschwung. Insbesondere höhere Agrarpreise und der Wirtschaftsboom des Nachbarn Brasilien hatten positive Impulse auf Argentiniens Wirtschaft.

Durch eine robuste Binnenkonjunktur und eine breite regionale und sektorale Diversifikation seiner Exporte hat Brasilien die Finanzkrise gut gemeistert. Das brasilianische BIP stieg im Jahr 2010 um 7,7 % (2009: -0,2 %). Zu verdanken war dieses hohe Wachstum vor allem dem niedrigen Zinsumfeld, der umfangreichen Kreditvergabe sowie fiskalischen Impulsen.


Quellen: Sachverständigenrat – Jahresgutachten 2010/11, Banken-Research

QUICKFINDER

Verlauf

Tools